9. April 2017 Markus Gleichmann

Geschichte und Gegenwart - Lidice - AfD und die Erinnerungskultur

Die Kinder von Lidice. Alle Skulpturen stehen für ein ermordetes Kind des Ortes. Dabei wurden die Wesenszüge, aber nicht die Gesichter nachgebildet.

In der Gedenkstätte wurden die Namen der ermordeten Einwohner*innen des Orts in Beton verewigt.

Demonstration gegen eine AfD-Veranstaltung im Februar 2017 in Kahla. Verantwortung heisst handeln!

Es gibt keinen Grund mit Rechtspopulisten zu reden. Mit den Menschen schon. Geschichte und Gegenwart und warum die neuen Rechten einen Angriff auf die Erinnerungskultur notwendig haben. 

„Um sieben Uhr wurde mit den Hinrichtungen in Lidice begonnen. Auf jeden Mann zielten drei Schutzpolizisten, zwei haben auf die Brust, einer auf den Kopf geschossen. Nach der Exekutionssalve trat der anwesende Offizier an jeden Exekutierten heran, um ihn nochmals in den Kopf zu schießen.“ 

Am 10. Juni 1942 sind so 173 Männer im Alter ab 15 Jahren in Lidice (heute Tschechien, damals Protektorat Böhmen) in Fünfergruppen nach und nach von der Deutschen Wehrmacht ermordet worden. Frauen und Kinder wurden zuvor von ihren Männern getrennt und in unterschiedliche Lager abtransportiert wurden. Am 16. Juni wurden weitere 26 männliche Einwohner des Ortes in Prag exekutiert, die sich zuvor nicht im Ort befanden. Die 88 Kinder aus Lidice trennte man bald darauf von ihren Müttern Für fast alle war dies der letzte Kontakt mit ihren Eltern. 81 Kinder wurden am 2. Juli 1942 von der Gestapo in das Vernichtungslager Kulmhof gebracht und dort vernichtet. Am 12. Juni brachte man die 184 Frauen aus Lidice auf einem Transport in das Frauen Konzentrationslager Ravensbrück. Einige der Kinder wurden zur „Germanisierung“ vorgesehen, die nach dem 10. Juni geborene Säuglinge sofort von ihren Müttern getrennt, eines verstarb daraufhin. Das Dorf zwischen Kladno und Prag wurden dem Erdboden gleich gemacht, die Landschaft verändert, selbst der Friedhof „ausgeräumt“ und zerstört. Nichts sollte mehr an diesen Ort erinnern. 

Auslöser für dieses Verbrechen an der Menschlichkeit durch deutsche SS- und Wehrmachtseinheiten war der tödliche Anschlag durch zwei Widerständler auf den Reinhard Heydrich, dem „Reichsprotektor von Böhmen und Mähren“. Durch eine irrige Annahme und ohne Beweise wurde festgestellt, dass einer der Attentäter aus dem 500 Seelen-Ort kommen sollte. Dies stellte sich schon wenige Tage später als falsch heraus. Hitler befahl trotzdem die totale Vernichtung der Menschen und des Ortes als Beispiel des Rache, der auf jeden zurückfallen würde, der versucht, sich gegen die Nazi-Diktatur aufzulehnen. 

Am 26. März 2017 besuchte ich im Rahmen der Vereinsfahrt des Geschichts- und Forschungsvereins Walpersberg e.V. diesen Ort, der meine Mitreisenden und mich sofort in seinen Bann zog. Auf diesen Arealen hat man immer das Gefühl der Beklommenheit, ähnlich wie in Buchenwald oder Theresienstadt. Ein Gedenkstättenbesuch, welcher an so ein unglaubliches Verbrechen der Vergangenheit erinnert, ist jedoch mehr als 120 Minuten Beklommenheit. Es bewegt die innerlichen Gedanken und justiert die Wertvorstellungen. Werte von Mitgefühl über Trauer bis Wut, die wohl jeden, der nur ein bisschen Humanismus und Menschlichkeit in sich trägt, nachhaltig berührt. Wie konnte es dazu kommen, dass normale Menschen, die im Laufe des Krieges Soldaten wurden, zu solchen Verbrechen fähig waren, dass die über diese Racheaktion informierte Bevölkerung keinerlei Skrupel zeigte und diesen Zivilisationsbruch schweigend akzeptierte? 

„Es fing nicht an mit Gaskammern. Es fing an mit Intoleranz und Hassreden. Es fing an mit der Aberkennung von Grundrechten. Es fing an mit Menschen, die einfach wegschauten.“

Dieses Zitat ließe sich sicherlich noch erweitern. So proklamierte eine Herrenrasse damals das Recht, sich über andere Menschen zu stellen, die „slawische Rasse“ als minderwertig anzusehen, die vernichtet oder zumindest umgesiedelt werden müsse. Ein Kernpunkt ist also Rassismus, übertragene Menschenfeindlichkeit und fehlende Empathie. 

Dass wir irgendwann wirklich verstehen können, wie eine solche feindliche Stimmung geschürt werden konnte, hätte ich nicht für möglich gehalten. Doch seit dem Erstarken des Rechtspopulismus, der mittlerweile weitere Teile der zivilen Gesellschaft erfasst hat, wurden Wertegrenzen verschoben. Noch vor kurzem Verpöntes, wurde nicht nur am Stammtisch nach drei Bier sagbar, sondern auch im öffentlichen Diskurs. Menschen werden auf Grund ihrer Religion oder Herkunft in Gut und Böse eingeteilt. Viele der Angstmacher haben damit die Rassen-Ideologie wieder gesellschaftsfähig gemacht, auch wenn sich das die meisten selbst natürlich nie eingestehen würden. 

Die Angst- und Scharfmacher agieren mit Ängsten. Vor allem die Überfremdung und damit ein Kontrollverlust, bzw. eine signifikante Änderung in der Gesellschaftszusammensetzung, erzeugen ein Klima der Feindlichkeit Mit der aus Sicht der neuen Rechten klugen Verknüpfung dieser Ängste mit der Furcht vor sozialem Abstieg wird das Klima in Deutschland vergiftet. Der These, dass Migranten eine Mitschuld an der Ungerechtigkeit der Verteilung von Vermögen und Wohlstand haben, zeigt ebenfalls Wirkung. Die Zustimmungsrate zu der Aussage, dass man sich doch bitte erst mal um die „Deutschen“ kümmern sollte und dann, wenn es unbedingt sein muss, auch um andere, wird immer populärer. Die sogenannte „Alternative für Deutschland“ nimmt diesen sozialen Nationalismus auf und punktet damit vor allem in den Schichten, die meinen, ihnen stehe auf Grund ihres Status auch mehr zu, und in den Schichten, die sich ungerecht behandelt fühlen. 

Diese Mischung aus Naivität bei den so angesprochenen Menschen und dem Wunsch, endlich auch mal zu denen zu gehören, die unmittelbare Macht ausüben und über anderen Menschen stehen, führt gerade in Ostdeutschland zu guten Wahlergebnissen. 

Die AfD füllt mit dieser Strategie auch größere Räume in Thüringen und auch im Saale-Holzland-Kreis. Die vorwiegend männlichen Teilnehmer der AfD-Veranstaltungen über 50 – davon gibt es auf Grund der demographischen Entwicklung reichlich – nehmen jede noch so abstruse Theorie entgegen. Neonazi Organisationen wie einProzent, Thügida und andere wittern in dieser Umgebung die Möglichkeit, ihre rechtsextremen Inhalte ebenfalls in Stellung zu bringen. Das immer gleiche Schema der eigenen Darstellung als einzige „Opposition“ und der Nennung aller anderen politischen Akteure als „Altparteien“ entbindet von diesem Zeitpunkt meist die Akteure von anstrengenden faktischen und argumentativen Strategien. Der Mythos des unterdrückten Deutschen Volkes reicht aus, um auch weit bis in die Mitte der Gesellschaft zu wirken. Reale Fakten werden ausgeblendet und wissenschaftliche Institutionen, die nach und nach jede These widerlegen, werden als „Eliten“ dargestellt, die nur Angst um ihre Pfründe haben. 

Jeder, der ein bisschen geschichtliches Wissen hat, wird nun die Zusammenhänge mit Deutschland in der 1930er Jahren nicht nur sehen, sondern auch fühlen können. Jeder Polit-Stratege wird nun auch nachvollziehen können, warum Björn Höcke als rechtsnationale Führungsfigur der AfD so viel Wert darauf legt, die Erinnerungspolitik zu kritisieren und eine „Wende um 180-Grad“ zu fordern. Diese Gedenkstätten, wie Lidice, Theresienstadt, Buchenwald und viele weitere sind ihm und den Rechtsnationalen ein Dorn im Auge, weil sie es schaffen, die Grausamkeit der Nationalsozialisten darzustellen und Parallelen in die heutige Gesellschaft aufzuzeigen. Durch die emotionale Belastung der Besucher wird Empathie geweckt und zum Nachdenken angeregt. 

Das ist der Grund, warum diese Erinnerung so oft gemeinsam mit Verantwortung genannt wird. Eine persönliche Schuld hat fast niemand mehr an den Ereignissen dieser dunklen Geschichte Deutschlands. Allerdings hat jeder die Verantwortung, sich ständig selbst zu hinterfragen, wie weit er noch weg ist von der nationalistischen und rassistischen Denkweise, die zu all dem führte. Die Essenz aus diesen Prozessen ist auch die Verantwortung heute nicht zu schweigen, wenn man in seinem Umfeld entsprechende Entwicklungen feststellt. Dass man sich nicht nur um sich selbst kümmert, sondern auch seine Verantwortung in einer Gesellschaft wahrnimmt gehört zu dieser Verantwortung dazu. 

Die politischen Thesen der AfD und andere Rechtsnationalisten lassen sich schnell entkräften. Meistens erledigen sie sich sogar von selbst. Die geschürten Ängste, die zu irrationalen Schlüssen führen, sind aber schwierig durch einfache Gespräche zu entspannen. Sie sitzen tief, weil eine Verunsicherung der Gesellschaft auch nicht aus dem leeren Raum kommt. 

Die weltweite neoliberale Politik hat zu einer Entsolidarisierung zwischen den Menschen geführt. „Wenn sich jeder um sich kümmert, ist an alle gedacht“, ist einer der Leitsprüche dieses modernen Egoismus. Ein Ausweg kann nur eine nachhaltige Umverteilung des Reichtums und des Vermögens sein. Es ist nicht mehr haltbar, dass den fünf reichsten Deutschen 40% des Vermögens gehört, aber gleichzeitig die Kinderarmut immer weiter ansteigt und Menschen, die ein langes Berufsleben hinter sich haben, so wenig Rente bekommen, dass sie auf weitere Leistungen angewiesen sind. Die modernisierte Arbeitswelt führte nicht zu einer Entspannung der Arbeit, sondern zu einer Verdichtung und einem schleichenden Übergang von Berufs- und Privatleben. Die Globalisierung der Wirtschaft führt dazu, dass viele Staaten allein nicht mehr die Chance haben, diese Entwicklung aufzuhalten. Daher sind alle nationalen Lösungen auch von Grund auf zum Scheitern verurteilt. Eine Verbesserung der sozialen Leistungen, eine Umverteilung und Gleichberechtigung kann nur international erreicht werden.

Soziale Thesen können den Anschein haben, dass es eine übereinstimmende Menge von Zielen innerhalb der Rechten und der Linken geben würde. Die Unterstützung von Kindern, Rentnern, Stärkung von Bildung, gute Arbeitsverhältnisse und auch Lohngerechtigkeit sind Themen, die von beiden aufgerufen werden. Der große Unterschied, der aber alle scheinbaren Schnittmengen vernichtet, ist auf der rechten Seite das rassistische und egoistische Weltbild; und auf der linken Seite in menschenfreundliches, humanistisches und solidarisches Miteinander aller Menschen. „Soziale Leistung nur oder als erstes für Deutsche“ ist nicht ansatzweise kompatibel mit dem Verständnis linker Aufklärung und Partizipation aller gesellschaftlichen Akteure und Klassen. 

Insofern sind auch alle Gespräche zwischen Politikern, egal welcher Ebene, zwischen der AfD und der Linken absolut unsinnig. Ich hatte aktuell ein Angebot einer geschlossenen Diskussionsrunde zwischen AfD und linken Akteuren. Angeblich neutrale Personen, die sich aber bei dem Petry-Besuch in Hermsdorf klar rechtsnational positioniert haben, wollten dieses Gespräch organisieren um zwischen den „Polen“ zu vermitteln. Hier muss ich klar sagen: Es gibt Nichts zu vermitteln, es gibt nichts zu besprechen. Wir sind sogenannte Gutmenschen, die alle Menschen in ihre Politik mit einbeziehen, und auf der anderen Seite stehen Menschenfeinde, die eben jenes Bild vermitteln, welches zu den größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte geführt haben. Insbesondere wenn es bei einem Gesprächsangebot um Menschen geht, die selbst durch menschenfeindliche Rhetorik, oder durch keinerlei Scheu vor dieser in der Vergangenheit aufgefallen sind. Insbesondere die Thüringer AfD-Führung, aber auch die Mitglieder auf Funktionärsebene heben sich da besonders negativ hervor. Jörg Henke, Landtagsabgeordneter aus Crossen im SHK, ist bei einer Isreal-Reise mit einem rechtsnationalen Magazin durch fehlende Abgrenzung zu Holocaust-Leugnern aufgefallen.  Auch eine Ebene tiefer, im neuen Stadtverband Kahla ist mit Oliver Noack jemand aktiv, der aktiv mit der rechtsextremen Szene verbunden ist. Über vermeintliches Engagement versuchen sie in die Gesellschaft einzubrechen. Auf der anderen Seite ist es nötig die Kritik an der sozialen Ungerechtigkeit zu verstärken und vor allem den internationalen Ansatz in den Vordergrund zu rücken.

Jedes direkte Gespräch mit Funktionären der neuen Rechten würde dem nicht gerecht, was Gedenkstätten und der Blick in die Geschichte vermitteln: VERANTWORTUNG.